Sehr geehrter Herr Rausch,
vielen Dank für Ihre Anfrage, die ich gerne beantworte.
Im Rahmen des Stresstests wurde der Nachweis erbracht, dass im neuen Hauptbahnhof 49 Zugankünfte zur Spitzenstunde in wirtschaftlich optimaler Betriebsqualität abgewickelt werden können. Obwohl die Station dabei etwa doppelt so stark belastet ist wie zu vielen anderen Stunden des Tages, beträgt die durchschnittliche Haltezeit der Züge rund sechs Minuten. Nur wenige Züge halten dabei planmäßig weniger als drei Minuten. Würden alle Züge nur zwei bis drei Minuten halten, könnten noch deutlich mehr Züge im neuen Hauptbahnhof abgewickelt werden. Ein solcher durchsatzoptimierter Fahrplan war jedoch nicht Ziel des Stresstests.
Kurze Haltezeiten von zwei Minuten sind im morgendlichen Berufsverkehr dabei durchaus realistisch. Erfahrungsgemäß reichen im Berufsverkehr rund eine Sekunde je Fahrgast und Türspur aus. Besonders schnell funktioniert der Ausstieg bei Doppelstockwagen. Die etwa 120 Fahrgäste steigen dabei über zwei besonders breite Türen aus, sodass vier Reisende zeitgleich den Zug verlassen können. Da ein typischer Pendler kaum mehr als eine Sekunde zum Ausstieg braucht, nimmt der Ausstieg damit in der Regel nicht mehr als eine Minute in Anspruch. Bei Fernzügen und anderen Regionalzügen stehen je Wagen etwa 80 Sitzplätze und zwei Türen zur Verfügung. Der Ausstieg eines randvollen Pendlerzuges nimmt dabei etwa anderthalb Minuten in Anspruch, bis auch an der letzten Tür der Ausstieg beendet ist. Diese Züge wurden im Stresstest allerdings auch mit einer Haltezeit von wenigstens drei Minuten angenommen. Da zur morgendlichen Rush Hour auch zukünftig wesentlich mehr Fahrgäste im Stuttgarter Hauptbahnhof aus- als einstiegen werden, wird der Einstieg in der Regel noch deutlich schneller von Statten gehen.
Zu anderen Tageszeiten können durchaus längere Haltezeiten erforderlich sein. So zum Beispiel an Freitagnachmittagen, wenn zahlreiche ein- und aussteigende Reisende mit schwerem Gepäck eine längere Haltezeit benötigen. Zu diesen Zeiten ist der neue Hauptbahnhof allerdings auch mit wesentlich weniger Zügen als zur morgendlichen Spitzenstunde belegt, sodass dies möglich ist.
Durch den entfallenden Fahrtrichtungswechsel kann zukünftig vielfach wesentlich schneller als heute weiter gefahren werden. Während sich der planmäßige Aufenthalt eines typischen Fernzuges von vier Minuten (heute) auf drei Minuten tatsächlich nur geringfügig verkürzt, profitieren besonders verspätet ankommende Züge von der entfallenden Zugwende. Bei geringem Fahrgastaufkommen (beispielsweise frühmorgens oder abends) kann zukünftig vielfach bereits nach einer oder zwei Minuten weitergefahren und damit Verspätung aufgeholt werden.
Ein weiterer zentraler Vorteil von Stuttgart 21 ist, dass viele Fahrgäste zukünftig nicht mehr umsteigen müssen, sondern einfach im gleichen Zug sitzen bleiben können. Mit den heutigen Anlagen kann dagegen aus technischen Gründen nur ein Bruchteil der ankommenden Züge in eine andere Richtung weiterfahren. Der Anteil durchfahrender Fahrgäste wird zukünftig damit spürbar wachsen, während heute der allergrößte Teil der Reisenden in Stuttgart Hauptbahnhof aussteigen muss.
Ich hoffe, Ihnen mit dieser Antwort weitergeholfen zu haben und verbliebe
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Dietrich